Zerzauster Hans und strahlender Sieger
Ich habe nun doch die Ehre meinen Sieger vorzustellen. Beziehungsweise vor allem die mit ihm verbundene Geschichte zu erzählen. Denn, nein, ich bin nicht über Nacht zu sehr viel Geld gekommen – schade eigentlich – und habe mir auch kein nigelnagelneues Rennvelo gekauft. Aber erstmal einen Tusch – hier ist er:

Der sehr alte Besitzer des sehr alten Rennvelos sei mit dem Sieger schon zähtuusigmal durch die Schweiz geradelt, sagte mir Hans von der Brockenhalle in Winterthur. “Übertrieben gesagt, hä, gäll!” Er zwinkert mir zu, während er versucht, das Vorderrad des Rennvelos aufzupumpen, damit ich es probefahren kann.
Die Brockenhalle hatte (und hat vielleicht immer noch) 50% Rabatt auf – “fast alles”, ruft Hans, der plötzlich irgendwo zwischen dem Gerümpel raschelt, als Detective Tammy und ich die bis unter’s Dach vollgestopfte Halle betreten. Detective Tammy hat sich schon in Richtung Bücher verdrückt, wo sie sich auf die Suche nach Krimis von Agatha Christie macht, die sie noch nicht besitzt, und ich rufe in Richtung Kleiderständer, wo ich Hans vermute: “Auch auf die Velos?” Er schiesst zwischen zwei Mänteln hervor, zerzaustes, graues Haar, und meint: “Jo, jo, auch auf die Velos. Auf fast alles”, er wedelt mit der Hand in der Luft ‘rum, “auch dort auf das Geschirr, Schilder, die Geräte hier, das steht auch immer angeschrieben, wenn’s 50% Rabatt gibt, hier, lueg, wie hier – aber jo, jo, auch auf die Velos.” Geschirr haben wir mehr als genug, das riesige SBB-Leuchtschild interessiert mich nicht und der alte Kassettenrekorder erinnert mich zu sehr an mein schmerzhaftes Kindheitstrauma, als ich mir den Stromstecker meines Kassettenrekorders in den Mund gesteckt hatte. Und eigentlich hatte ich mich ja schon eine Woche zuvor in das eine Fahrrad verliebt, nur lagen die 300 Fr. über meinem Budget, doch mit diesen 50% Rabatt “auf fast alles, hä, gäll” rückte auch der Sieger in erschwingliche Nähe.
Nun bückt sich Hans also über das sehr alte Rennrad, versucht irgendwie Luft in den vorderen Reifen zu pumpen und redet dabei munter auf mich ein. Unterbrochen wird er nur zweimal. Einmal um einen älteren, dicklichen Mann zu begrüssen, der in die Halle kommt und der einbisschen so aussieht, wie ein zu grosses Kind, und der eine Ausstrahlung hat wie Homer Simpson. Und ein zweites Mal zwei Minuten später, als das grosse Kind mit einem faustgrossen, roten Ball mit Noppen in der Hand wieder auftaucht und fragt: “Wie viel wotsch für dää?” – “Zwei Franke.” – “Also guet.”
Als Hans dann nach einer halben Stunde merkt, dass das Velo kein französisches, sondern ein holländisches Ventil hat, und er es dann auch endlich schafft, Luft in den Reifen zu befördern, nahm ich meinen Sieger auch gleich mit nach Hause. Und geputzt strahlt er jetzt mit gelber Sieger-Klingel.
