Le monsieur et le groupe de l’église
21.30 Uhr. Draussen ist es dunkel, es regnet in Strömen. Brüssel hat auch einen Charme, wenn es regnet. Die Jugendstilhäuser färben sich dann dunkel, die mit Pflastersteinen besetzten Trottoirs glänzen im Licht der Strassenlampen und es weht ein so kalter Wind, dass man sich den Kragen hochzieht, die Hände tief in die Taschen steckt, und hofft, bald zuhause zu sein. Trotzdem ist es irgendwie ein romantisches Nachhausegehen, gerade weil man weiss, dass man bald hinter einer dieser schwungvoll dekorierten Fassaden ist, sich sämtliche Kleider anzieht, die man besitzt – schliesslich werden die Wohnungen zu dieser Jahreszeit noch nicht geheizt – und sich mit einer Tasse Tee ins Bett verkriecht.
An diesem Abend haben ich, Amandine und Stéphanie genau das gemacht, jede sitzt in ihrem Zimmer, die Tür jeweils offen, jede hängt ihren Dingen nach. Man hört das Geräusch des Regens, der auf das Dachfenster fällt und wünscht wirklich niemandem, in diesem Moment draussen zu sein. Dann klingelt es an der Tür. Niemand erwartet jemanden, niemand bewegt sich. Da muss jemand die falsche Klingel gedrückt haben. Es klingelt ein zweites Mal. Stéphanie und ich kommen langsam aus unseren Zimmern, schauen uns fragend an. “Tu attends quelqu’un?” Kopfschütteln. Gerade als ich den Hörer der Gegensprechanlage abheben will, hören wir, wie unten die Eingangtüre aufgeht. Wir atmen auf. Anscheinend hat jemand aufgemacht. Unten hören wir jetzt zwei Männerstimmen und wir lauschen eine Weile, verstehen aber nichts. Als das Gespräch verstummt, hören wir Schritte im Treppenhaus. Die alten Stufen des “maison de maître” knarren. Wir schauen uns fragend an. Wer bittesehr ist das? Und wohin will er? Die Schritte kommen langsam immer näher. In den zweiten Stock unserer Wohnung, die auf zwei Etagen verteilt ist, gelangt man nur über das Treppenhaus. Seine Schritte scheinen eindeutig dieses Ziel zu haben. Als er auftaucht, ausser Atmen vor Anstrengung, sehe ich, dass er einen Mantel trägt und vom Regen durchnässt ist. Erstaunt ziehe ich die Augenbrauen hoch und sage: “Bonsoir monsieur.” Ich klammere mich auch einbisschen am Treppengeländer fest, aus Angst, er könnte plötzlich einen Revolver hervorziehen und, wie in einem Stummfilm, würde dann Klaviermusik ertönen, “Je suis venu vous chercher!”, fieses grinsen, er zieht hektisch den Revolver hervor, ich renne einige Male im Kreis, werfe dabei die Arme in die Luft, “Aaahh!”, schnelle kakophone Klaviermusik, Fokus auf meine schwarz geschminkten Augen.
Aber so böse sieht er gar nicht aus. Und statt eines Revolvers, zieht er ein Stück Papier hervor, zeigt darauf und fragt in schlechtem Französisch: “Pardon, est-ce que c’est la groupe de l’église?” Und ich versuche ganz höflich zu bleiben und nicht zu lachen, was mir nicht ganz gelingt. Eine Kirchengruppe? Bitte was? Ich grinse übermässig und antworte: “Non, désolée monsieur, vous vous trouvez dans un endroit tout à fait laïque.” Und so verschwand dieser mysteriöse Herr und ward nie wieder gesehen.